Von der Uni Wien an die UN in New York – Interview mit meiner Freundin Sonja

Ein Interview mit meiner Freundin Sonja, die nach ihrem Studium der Translationswissenschaft und Politikwissenschaft an der Uni Wien an die UN in New York in den Übersetzungsdienst gegangen ist.

Wir sprechen unter anderem darüber, warum Nicole Kidman ausschlaggebend für ihre Berufswahl war, ein Praktikum ein Sprungbrett zum Traumjob sein kann, warum selbst die begabtesten Frauen im akademischen Feld oft übersehen werden und was es braucht um die eigenen Ziele trotz nicht förderlicher externer Umstände zu erreichen.

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Johanna: Sonja, du hast Translationswissenschaft und Politikwissenschaft an der Uni Wien studiert und bist jetzt an der UN in New York. Wie bist du zu deinem Beruf gekommen, war dir von Anfang an klar, dass du das studieren möchtest, oder hat es sich ergeben?

Sonja: Es ist eine recht lustige Geschichte, ich habe mit 15 den Film „Die Dolmetscherin“ mit Nicole Kidman gesehen und der Film hat mir den Beruf nahegebracht. Ich mochte Sprachen und war auch immer gut in Englisch und Französisch. Als ich das gesehen habe, habe ich mir sofort gedacht: Ja! Das ist es, das ist das, was ich studieren will. Ich habe das Bachelorstudium Transkulturelle Kommunikation inskribiert und Politikwissenschaft habe ich eigentlich als Hobby dazu genommen. Mich hat Politik schon immer interessiert und ich habe als Volksschülerin schon jeden Tag die Nachrichten gelesen, bevor ich in der Früh in die Schule gegangen bin. Im Studium der Translationswissenschaft wurde uns auch stark nahegelegt, wir sollen eine Spezialität haben, ein Fachgebiet, wo wir uns besonders gut auskennen.

Johanna: Interessant! Und wie hat es sich dann mit der UN in New York ergeben?

Sonja: Naja, ich habe 2015 ein Praktikum gemacht, bei der Ständigen Vertretung Österreichs, bei der UNO. Das Praktikum hat mir sehr gut gefallen, aber vor allem hat mir New York gefallen. Ich habe mich in New York zum ersten Mal richtig, richtig zu Hause gefühlt und das war meine Stadt. Ich bin dann nach 4 Monaten wieder nach Wien zurückgekommen, ab dann habe ich versucht, in New York einen Job zu bekommen. Durch Zufall habe ich damals über eine ehemalige Studienkollegin erfahren, dass eine Stelle frei wurde im Deutschen Übersetzungsdienst bei der UNO als Korrekturleserin. Das ist etwas, was ich davor jahrelang freiberuflich gemacht habe. Nach langem Prozedere habe ich die Stelle auch bekommen.

Johanna: Und wie lange hat es dann gedauert, nach dem Praktikum, bis du die Stelle hattest?

Sonja: Bis zur Bewerbung 6 Monate, und bis ich die Stelle fix hatte 11 Monate.

Johanna: Du warst ja davor auch schon öfter im Ausland, du warst zwei Mal auf Erasmus?

Sonja: Genau, im Master war ich auf Erasmus in Genf und habe dort an der ETI, an der École de traduction et d’interprétation der Universität Genf ein Auslandssemester gemacht. Im Bachelor habe ich ein mir selbst organisiertes Auslandssemester gemacht an der McGill University in Montreal, Kanada.

Johanna: Ich bin auch ein großer Fan davon ins Ausland zu gehen, Sprachreisen zu machen… man lernt dort einfach so viel, auf eine andere Art und Weise, wie man‘s nicht lernt, wenn man diese Erfahrung nicht macht. Hattest du auch Programme oder Vereine, die dich auf deinem Karriereweg gefördert haben?

 

Sonja: Anfänglich überhaupt nicht, in der Schule nicht und anfänglich im Studium auch nicht, ich musste mir alles selbst zusammensuchen. Im Laufe des Studiums ist es dann besser geworden, bei uns im Masterstudium gab es über den österreichischen Übersetzer und Dolmetscherverband ein Mentoringprogramm. Meine Mentorin war sehr nett, hatte aber mit dem Bereich, in den ich damals wollte – Dolmetschen in der EU – kaum etwas zu tun. Ich würde jedem nahelegen, Mentor oder Mentorin zu werden, weil es für BerufseinsteigerInnen schön ist, wenn man jemanden hat, der einem hilft.

Johanna: Ich hatte in der Schule und im Studium auch immer das Gefühl, dass man sich auf die eigenen Füße stellen muss, wenn man bestimmte Interessen oder Ziele hat, Leute einfach ansprechen, anschreiben und auch alleine auf Veranstaltungen gehen und connecten. Aber man sieht ja, dass man die eigenen Ziele erreichen kann, wenn man das macht! Was war denn für dich wichtig, dass du deine beruflichen Ziele schlussendlich umsetzen konntest?

Sonja: Ich glaube, die Person, die für mich am wichtigsten war, war meine Englischlehrerin in der Schule. Ich hatte 8 Jahre lang die gleiche Englischlehrerin, die Amerikanerin ist. Sie hat uns die amerikanische Kultur mit auf den Weg gegeben und mich hat das einfach interessiert. Ich bin durch englische Filme und englischsprachige Kontakte in der Oberstufe dann auch schnell zur Klassenbesten geworden. Ich wurde dann auch wirklich unterstützt, meine Lehrerin hat mir nahegelegt, das Freifach Englischwettbewerb zu belegen, was ich 3 Jahre lang gemacht habe. Das war das erste Mal, dass ich das Gefühl hatte, tatsächlich gefördert zu werden in etwas, das mich interessiert und worin ich gut bin. Auch an der Uni war ich immer gut, aber nie die „Nummer 1“. Es ist schwierig, wenn man zu dreißigst in einem Kurs sitzt, gefördert zu werden, wenn man nicht extrem heraussticht.

Johanna: Das kenne ich aus dem Psychologiestudium auch, es macht schon einen Unterschied ob man zu 200 oder fünfzehnt in einem Kurs sitzt. Wie ist es für dich in New York, erzähl ein bisschen über deine Arbeit.

Sonja: Zurzeit ist eine komische Zeit, und wegen COVID-19 bin ich seit 3 Monaten in Wien. Aber ich habe einen relativ normalen Bürojob im deutschen Übersetzungsdienst. Ich arbeite 40h/Woche, wir haben 1x/Woche Teambesprechung, wo wir besprechen, was in der UNO los ist und unseren Plan für die Woche. Den Rest der Woche verbringe ich damit, Dokumente, die von anderen übersetzt wurden, Korrektur zu lesen. Ansonsten editiere ich auch Resolutionen des Sicherheitsrats oder unterstütze meine Chefin in administrativen Dingen.

Johanna: Wie ist das Leben in New York oder wie weicht es von dem ab, was man sich vorstellt?

Sonja: Ich glaube, dass man sich in einer Großstadt sehr schnell sehr allein fühlen kann und dass es für viele anfangs schwierig ist. Ich glaube aber auch, dass in New York jeder seine Leute finden kann. Es gibt einfach für jedes noch so seltene Interesse Events oder andere Menschen, die das auch interessiert. Es ist für jeden was dabei. New York ist so wunderbar für mich, weil man so viele tolle Leute kennenlernen kann und man kommt schnell ins Gespräch. Man kann aber auch wunderbar allein sein, wenn man mal keine Lust hat. Jeder kann sein Leben leben, solange man niemand anderem zu nahe tritt oder ungut ist, das finde ich sehr angenehm.

Johanna: Gab’s bei dir auch mal eine Zeit, wo du das Gefühl hattest, du kommst nicht weiter oder du weißt nicht, wie du das schaffen sollst, weil alles so weit weg und groß scheint? Oder ist alles „wie am Schnürchen gelaufen“?

Sonja: Es ist mehr oder weniger wie am Schnürchen gelaufen, ich habe allerdings in meinem letzten Semester im Bachelor meine Französisch-Abschlussprüfung nicht bestanden. Das hat mich schon verunsichert. Ich habe die Prüfung dann 2 Monate später nochmal gemacht und geschafft. Sonst ist es relativ linear verlaufen.

Johanna: Hast du zum Abschluss noch einen Tipp für Menschen, die gerade ihr Studium beginnen, sich umorientieren oder sich gerade eine Karriere aufbauen wollen?

Sonja: Dahinter bleiben. Und dahinterstehen. Es gibt aber leider auch so viele externe Faktoren, die einem das Leben erschweren. Ich kenne viele Leute, die gerne etwas anderes machen würden, aber auf ihren derzeitigen Job angewiesen sind. Mit einem Unterstützungssystem, auf das man sich verlassen kann, ist es einfacher. Sonst ist es wichtig, zu versuchen, Leute kennenzulernen, die in dem Feld arbeiten, Connections aufbauen und dahinter bleiben. Heutzutage kann man denke ich mit Social Media auch viel erreichen. Und man sollte nicht erwarten, dass einem jemand etwas schuldet, kein „Entitlement“ zeigen. Ich denke, so etwas macht es einem viel schwieriger – weil man nicht auf die Unterstützung anderer zählen kann, wenn man mit dieser Einstellung an die Sache rangeht und weil es die Selbstmotivation einschränkt wenn man das Gefühl hat, „das steht mir zu“, dann hat man auch nicht die Motivation, dafür zu kämpfen.

Johanna: Danke! Ich glaube, dass das vielen Menschen helfen kann. Ein wichtiger Grund, warum ich diesen Podcast mache ist der, dass ich mir selbst in der Schul- und Studiumszeit oft mehr Unterstützung z. B. in Form von Rollenvorbildern gewünscht hätte; Menschen, mit denen ich mich unterhalten kann, die das machen, wo ich hinmöchte. Ich glaube es ist wichtig, sich von dem Glaubenssatz Ich muss es alleine schaffen zu lösen und sich ein Supportnetzwerk aufzubauen und natürlich bei sich selber zu starten und zu lernen, wie man Motivation aus sich selber zieht, aber auch weiß Zusammen ist man stärker als alleine.

Hör dir das ganze Interview auch in meinem Podcast Perfect Imperfections auf Spotify an! 

 

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