Genuss, Freiheit und Empowerment – Interview mit Maria Hubmann

Ich habe Maria Hubmann interviewed, die als Pleasure, Freedom und Empowerment Coach in Wien arbeitet. Wir sprechen unter anderem über den tantrischen Hintergrund ihrer Ausbildung, darüber, den eigenen Körper und seine Empfindungen zu spüren vs. im Kopf zu sein, Orgasmen, einen Fokuswechsel von außen nach innen und in one-percent shifts (also ein-Prozent Veränderungen) mutig den eigenen Weg zu gehen.

Foto Maria Hubmann

Johanna: Maria, du bist in Ausbildung zur Lebens- und Sozialberaterin und arbeitest als Pleasure, Freedom und Empowerment Coach. Was kann man sich denn darunter vorstellen?

Maria: Für mich hängen diese drei Begriffe ganz stark zusammen. Und zwar bedeutet verstärkt oder empowered zu sein für mich, wenn man den eigenen Körper besser kennenlernt und den Genuss in sich erkennt, zulässt und einfordert. Für mich ist dort, wo Empowerment ist, auch Freiheit. Diese drei Begriffe gehen einfach Hand in Hand für mich. Ich unterstütze Frauen dabei, weniger in ihrem Kopf zu sein und mehr im Körper, den Genuss und ihre Wünsche wahrzunehmen, zu spüren, zu respektieren und auch einzufordern.

Johanna: Ich glaube, das ist ein wichtiges Angebot, das wahrscheinlich viele Frauen interessiert. Ich denke dabei auch an andere Bereiche, die auf Ähnliches abzielen, wie Yoga oder Pilates, Atemübungen und Mindfulness. Integrierst du diese Techniken oder Teile davon auch in deine Arbeit?

Maria: Da ich keine Yogalehrerin bin, nicht in dieser Form, aber ich arbeite ganz stark körperlich. Und die Praktiken und Meditationen, die ich anleite, inkludieren immer wieder auch Bewegungen und Bewusstsein auf den Körper und den Moment. Das, was gerade in mir präsent ist, darf sein. Ich ermutige die Frauen, auch tatsächlich hinzuspüren, neugierig zu sein. Was spüre ich jetzt gerade in meinem Körper? Und nicht in Gedanken zu flüchten.

Johanna: Du hast früher als Molekularbiologin gearbeitet. Wie kam es zu diesem beruflichen Wandel? Von der Wissenschaftlerin zum Empowerment Coach?

Maria: Völlig ungeplant. Ich habe mich vor einigen Jahren verstärkt mit meiner Sexualität beschäftigt, aus einem inneren Drang, aber auch aus einer Unzufriedenheit heraus. In diesem Prozess habe ich erkannt, wie wenig ich meinen Körper kenne. Wie wenig ich meinen Genuss, meine Sexualität kenne. Und auch wie wenig ich das kommunizieren kann und wie schwer es mir fällt, Grenzen zu setzen. Ich möchte Menschen ermutigen und sagen: Es ist möglich, den eigenen Körper zu spüren. Man kann das trainieren, man kann das lernen. Auch wenn man es, wie in meinem Fall, über 30 Jahre nicht gemacht hat. Ich habe dann eine Ausbildung zur Sex-, Love-, und Relationship Coach bei Layla Martin begonnen. Sexualität war für mich einfach der Zugang zur Klarheit. Und zum Zentriert-Sein. Zum Mich-selbst-Finden und auch zum Für-mich-Einstehen.

Johanna: Für mich klingt es so, als ob du es geschafft hast, deine verschiedenen Anteile gut miteinander zu integrieren. Das Intellektuelle mit dem Körperlichen und Emotionalen. Ich glaube, dass es vielen so geht, dass ein Teil eine Zeit lang stark im Vordergrund steht und andere Teile vernachlässigt werden. Und ich glaube auch, dass man immer damit starten kann. Wann auch immer die Zeit da ist, dass man eine Sache stärker entwickeln möchte, kann man das immer machen. Ohne Reue und den Gedanken „Warum bin ich nicht früher draufgekommen?“

Maria: Und manchmal braucht‘s auch diese Vorbereitung! Manchmal braucht‘s ja auch die 80 Jahre, oder in meinem Fall, 30 Jahre. Da habe ich ja unglaublich viel gelernt! Und das hat mich ja auch erst dahingebracht.

Johanna: Und alles, was du davor gelernt hast, das hast du ja jetzt noch immer. Das passt gut zu Empowerment – Anteile in sich selbst rauszuholen und zu stärken. Wenn man im eigenen Körper besser ankommt und sich besser spürt, spürt man auch besser, was man will und was man nicht will. Das ist Empowerment pur. Die Intuition zu entwickeln und spüren zu können Wo sage ich „Ja“, wo sind meine „Jas“ und wo sind meine „Neins“.

Maria: Absolut. Das war und ist noch immer eine meiner zentralen Messages, die ich rüberbringen möchte. Zu sagen, wenn du dir nicht sicher bist und der Intellekt dir nicht weiterhilft: Was ist jetzt meins? Möchtest du diesen neuen Weg jetzt einschlagen? Wie fühlt sich’s an in deinem Körper? Dein Körper reagiert sofort. Ich glaube, wir haben einfach verlernt darauf zu hören. Ich habe die Entscheidung, diese Ausbildung bei Layla Martin zu machen de facto nur getroffen, weil es sich gut angefühlt hat. Und ich versuche jetzt möglichst vielen Menschen beizubringen, wie das geht – ich nenne es Pussy Wisdom. Man kann auch Bauchgefühl oder Intuition dazu sagen.

Johanna: Wie war diese Ausbildung für dich?

Maria: Ich bin über einen Online Kurs zu Layla Martin gelangt. Der Online Kurs war über Cervical Dearmouring. Dadurch habe ich Layla Martin als Interviewpartnerin kennengelernt. Sie hat einen klassischen Tantra-Hintergrund, es wird viel meditiert, sehr spirituell. Aber auch das Neotantrische, die neotantrischen Werkzeuge werden inkludiert. Tantra sagt auch, dass man mit verschiedenen Körperteilen in Kontakt treten kann. Einfach mal fragen: Was brauchst du?

Johanna: Also ein achtsamkeitsbasierter Ansatz. Kannst du noch mehr über Tantra erzählen?

Maria: Tantra ist eine Philosophie, die sehr alt ist. Das Yoga kommt ursprünglich auch aus dem Tantra, und beschäftigt sich sehr viel mit Energien, Meditation, Atemübungen. Das, was man heutzutage als Tantra kennt, sind oft die sexuellen Praktiken, das Neotantra, die relativ neu sind. Was sie gemeinsam haben, ist der Fokus auf Energie, Energie spüren im Körper, sexuelle Energie wahrnehmen und auch leiten. Atemtechniken, Atemübungen und der Fokus weg von einer zielgerichteten Sexualität, die oft zum Ziel hat, einen Orgasmus zu bekommen. Und hin zum Spüren, zum Wahrnehmen, zum Sein und Neugierig-Sein.

Johanna: Also ein Ansatz, wo‘s vor allem darum geht, nicht etwas zu erreichen, z. B. einen Orgasmus, sondern, dass man einfach spürt, Genießen zulässt und lernt.

Maria: Genau. Einfach genießen. Und auch Wünsche respektieren. Wenn ich Übungen anleite, kommt immer wieder die Aufforderung: Lass deinen Körper spüren, sich bewegen und lass auch deine Stimme frei und erlaube deinem Körper sich zu bewegen wie sich‘s richtig anfühlt. Es ist viel wichtiger, das zu tun, was gerade von innen herauskommt, der authentische Ausdruck.

Johanna: Oft wird einem ja vermittelt, dass man beim Gegenüber und der Lust des Gegenübers sein „muss“. Was will der Partner/die Partnerin, wie kann ich den Partner/die Partnerin zum Orgasmus bringen? Sexualität ist oft viel lustvoller, wenn man zuerst bei sich ansetzt. Um eine erfüllte Sexualität gemeinsam zu erleben ist es auch wichtig, dass man gut spürt: Was will ich eigentlich? Worauf habe ich Lust? Dann ist der eigene Körper ein Kompass, der einem in der Sexualität vorgibt: Wo möchte ich meine Hand hinlegen, was brauche ich gerade, was braucht mein Partner/meine Partnerin? Und indem man gut bei sich ist und spürt, was man selbst will, macht man oft witzigerweise automatisch genau das, was für die andere Person auch passt.

Maria: Ich glaube, das nimmt auch viel Druck weg, weil du nicht auf ein Ziel ausgerichtet bist – sondern du bist bei dir selbst, im Moment, im Körper-Spüren. Und dadurch automatisch im Fluss. Das ist eine komplett andere Erfahrung von Sexualität. Und es wird dadurch natürlicher und ist nicht auf ein Zimmer und die Abendstunden eingesperrt.

Johanna: Was ich auch schön finde ist der Fokus weg vom Orgasmus. Viele Menschen empfinden es ja gar nicht so, dass ein Orgasmus so wichtig ist. Man kann schöne, intensive Gefühle empfinden, ob ein Orgasmus dabei ist oder nicht.

Maria: Was mir auch wirklich geholfen hat, ist eine Neudefinition von Orgasmus. Ich darf mir zum Beispiel erlauben, Genussmomente als Miniorgasmen zu klassifizieren. Ich esse jetzt z. B. den Kuchen, den du mitgebracht hast, und der ist so Mhhhhh und da ist ein Moment, wo ich alles um mich herum vergesse und ganz im Spüren und im Genuss bin. Und mir kann niemand verbieten, zu sagen, das ist ein Miniorgasmus. Das sind Genussmomente, die wir in unserem Alltag pflegen und durch Präsenz auch schätzen und erhöhen können.

Johanna: Hast du für Frauen Tipps, wie man das Genießen im Alltag stärken kann?

Maria: Eine Praxis, die mir wahnsinnig geholfen hat, ist der Fokus auf die Empfindungen im Körper. Das kann man jederzeit machen. Es ist hilfreich, wenn man sich am Anfang 5 oder 10 Minuten Zeit nimmt, meditiert, in den Körper reinspürt: Welche Empfindungen sind gerade da? Wenn man nichts spürt, dann auch gerne sich selbst berühren. Wenn ich zum Beispiel meine Hand auf mein Knie lege, welche Empfindungen sind da? Was spüre ich gerade in meinem Herzen, in meinem Bauch, in meiner Pussy? Das schult die Präsenz und das Körperempfinden. Das war für mich ein Knackpunkt, vaginale Orgasmen zu erleben.

Johanna: Also einen Body Scan durchzuführen. Ich glaube das ist praktisch auch gut umsetzbar. Danke, das war ein schöner Einblick in das, was du machst. Kannst du jungen Frauen oder Männern, die an einem Punkt stehen, an dem sie sich denken, das, was ich die letzten Jahre gemacht habe, hat eine Zeit lang gut gepasst, aber im Moment spüre ich, das ist nicht mehr das Richtige, einen Tipp geben, wie man seinen eigenen Weg geht? Auch wenn man jahrelang etwas anderes gemacht hat.

Maria: Ich glaube, wenn man einmal soweit ist und sich denken traut, dass man vielleicht etwas anderes machen möchte, ist man eh schon einen weiten Schritt gekommen – gratuliere! Und dann braucht‘s natürlich auch den Mut zu sagen: Es ist mein Leben. Und ich entscheide für mich. Und ich muss es niemandem Recht machen. Bin ich mir wichtig genug, um dieses Risiko einzugehen, voll auf die Fresse zu hauen? Und zu sagen: Ok, ich mach das jetzt einfach.

Johanna: Manchmal kommt man ja auch – wie bei dir – über Umwege zu einem neuen Beruf. Bei dir war’s ja auch so, dass du gesagt hast, du hast diese Ausbildung anfangs für dich gemacht und nicht dran gedacht, Coach zu werden. Aber im Prozess kommt man drauf, was der nächste Schritt für einen ist.

Maria: Ich glaube auch, dass es nur darum geht, zu spüren, was der nächste Schritt ist. Das ist viel einfacher als zu spüren, Wo will ich in 5 Jahren sein? Man kann schon eine Idee haben, aber auch die Flexibilität, dass sich das ändern darf.

Johanna: Das kann ich gut nachvollziehen.  Das was heute wichtig ist, ist einfach der nächste Schritt. Und es ist erleichternd in one-percent shifts zu denken. Wie kann ich mein Leben jeden Tag 1 Prozent in die Richtung ändern, was ich gerne haben möchte? Wenn man die 100% vor sich sieht, wo man hinwill, wirkt das oft so überwältigend, dass man gar nichts macht. Aber wenn man darauf fokussiert, welche Ein-Prozent Veränderung man heute machen könnte z. B. die erste Podcast-Folge aufzunehmen, kommt man ins Tun. Ich muss nicht heute gleich ein ganzes Unternehmen aufbauen. Sondern ich mache heute mal eine Podcast-Folge.

Hör dir das gesamte Interview auch in meinem Podcast Perfect Imperfections auf Spotify an!

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